Presse RP Krefeld: Verschärfte Hygieneregeln und veränderte Besuchszeiten: Die Corona-Pandemie beeinflusst auch die Kinder- und Jugendarbeit.
10. März 2021
88 Kinder sind es insgesamt, die im Kastanienhof, eingeteilt in kleine Gruppen, leben. Leiter Jens Lüder und Sarah Haurand, Leiterin des Bereichs Pflegekinder, erzählen, wie die Pandemie ihren Alltag beeinflusst.  Foto: Sarah Haurand

Krefeld. Verschärfte Hygieneregeln und veränderte Besuchszeiten: Die Corona-Pandemie beeinflusst auch die Kinder- und Jugendarbeit. Jens Lüdert, Leiter des Kinderheim Kastanienhof und Sarah Haurand, zuständig für den Bereich Pflegefamilien, berichten von ihren Erfahrungen.

Von Natalie Urbig

Krefeld Wenn Jens Lüdert, Leiter des Kinderheim Kastanienhof, auf die vergangenen Monate der Corona-Pandemie zurückblickt, gehörten die Wochen vor Weihnachten sicher zu den emotionalsten. Als im Dezember der zweite harte Lockdown kam, waren die Sorgen der Kinder groß. Vor allem eine Frage hat sie beschäftig:  „Darf ich meine Eltern und Geschwister an Weihnachten sehen?“ „Die Zeit war nicht leicht“, erinnert Lüdert sich. Doch Besuche mussten keine ausfallen. Anders war das noch im ersten Lockdown: „Damals, als die Situation völlig neu war, haben wir eine Zeit lang auf Besuchskontakte verzichtet“, sagt er, „nun machen wir das nicht mehr. Mittlerweile wissen wir mehr über das Virus und haben ein gutes Hygienekonzept entwickelt.“

 

Ansonsten sei die Corona-Pandemie auch im Kastanienhof mit Einschränkungen verbunden: Beim Verlassen der eigenen Gruppe muss eine Maske getragen werden, Laufwege im Gebäude wurden verändert und die Nutzung des großen Außengeländes neu geregelt. „Wir haben Hofzeiten vergeben, so dass sich nicht alle Kinder untereinander begegnen“, sagt Lüdert. 88 Kinder sind es insgesamt, die im Kastanienhof, eingeteilt in kleine Gruppen, leben. Innerhalb der eigenen Gruppe gelten die gleichen Regeln wie in einer Familie. Das heißt: „Das Kind darf getröstet- oder auch mit einem Pflaster versorgt werden“, erzählt der Leiter, „anders wäre es auch gar nicht möglich. Wie jeder Mensch brauchen sie Liebe, Wärme und Zuneigung.“

 

Zwar sei die Betreuung durch weggefallene Freizeitaktivitäten und Homeschooling intensiver geworden. Aber: „Wir haben den Platz und das Personal“, sagt Lüdert, „in Haushalten, in denen eine Familie auf kleinstem Raum zusammensitzt und sowohl Homeschooling als auch Homeoffice stemmen muss, ist das sicher schwieriger.“ Und dank einer Spende von Krefelder Firmen und Verbänden ist nun jeder Schüler im Kastanienhof mit einem eigenen Tablet und Kopfhörern für den Heimunterricht ausgestattet. Generell erlebe der Kastanienhofleiter, dass Kinder, Eltern und die Mitarbeiter, die Krise bislang gut meistern. „Als wir zum Beispiel im ersten Lockdown die Besuchskontakte kurzzeitig ausgesetzt haben, war von allen Seiten Verständnis da“, erzählt er.

 

Aber nicht nur der Alltag im Kastanienhof, auch die Arbeit mit Pflegekindern hat sich durch die Corona-Pandemie verändert. Das berichtet Sarah Haurand, die den Pflegekinderbereich des Kastanienhofs leitet. Besuchskontakte zwischen den leiblichen Eltern und ihren Kindern seien zwar möglich, aber nur in reduzierter Form. „Normalerweise ist es bei Bereitschaftspflegefamilien so, dass sich die leiblichen Eltern und Kinder durchaus mehrmals in der Woche sehen“, erzählt sie. Momentan gebe es stattdessen einmal in der Woche einen einstündigen Besuchstermin für Eltern und Kinder. Bei diesen Treffen tragen Eltern und Pflegeeltern eine Maske. Für kleine Kinder sei diese Kommunikation ohne Mimik schwierig. „Sie können zum Beispiel nicht sehen oder deuten, ob da gerade ein Lachen zurückkommt“, sagt Sarah Haurand.

 

Und noch etwas bereitet ihr Sorgen: Derzeit herrscht ein Mangel an Pflegefamilien. Und die Akquirierung von neuen Familien sei in Pandemiezeiten nicht  leicht. Auch, weil viele Interessierte sich in der jetzigen Situation zunächst auf die eigene Familie konzentriert haben. Besonders gesucht werden sogenannte Vollzeitpflegefamilien, also solche, die ein Kind für einen längeren Zeitraum aufnehmen. Davon unterscheiden sich die Bereitschaftspflegefamilien, die in einer Notsituation kurzfristig einspringen und sich so lange  um das Kind kümmern, bis sein Verweilstatus geklärt ist. „Wichtig ist, dass das Kind, wenn seine Perspektive geklärt ist, zeitnah in seine neue Pflegefamilie kommt“, sagt Haurand. „Es geht auch um das Bindungsverhalten.“ Auch deswegen sei es so wichtig, dass genügend Vollzeitpflegefamilie gefunden werden. Dafür bietet der Kastanienhof Ende März einen unverbindlichen Online-Infoabend an.

 

Ob die Corona-Pandemie zu mehr Inobhutnahmen führt, können Sarah Haurand und Jens Lüdert nur vermuten. Aktuell sei die Anfrage nach Aufnahmen im stationären Bereich gering. „Das liegt auch daran, dass Kitas und Schulen nun länger geschlossen waren. Das heißt es kamen auch keine Meldungen aus diesen Einrichtungen“, sagt Lüdert. Nach dem ersten Lockdown sei es allerdings so gewesen, dass die Anfragenlage durchaus erhöht war. Sarah Haurand bestätigt den Eindruck.